1978 - 2008: Ein Haus mit weit offenen Türen - 30 Jahre Ev. Gemeindezentrum Rheydt-West
Seit ein paar Monaten weisen große Schilder von der Dahlener Straße aus den Weg. Leider kennen es immer noch nicht alle Bürgerinnen und Bürger: Das mit vielfältigem Leben erfüllte Zentrum evangelischen Gemeindelebens an der Lenßenstraße 15! An der Backsteinfassade leuchten mit silbermetallenen Buchstaben die Worte aus dem 1. Johannesbrief:"Gott ist die Liebe". Als das Haus 25 Jahre alt wurde, startete ein Spendenaufruf, der bald schon die Anbringung des Schriftzuges ermöglichte – mahnend und einladend zugleich. Gottes Liebe ist das, was unser aller Leben rettet und diese Welt trägt und erhält. Das versuchen Christinnen und Christen von jung bis alt hier immer wieder zu erfahren und auch dankbar zu praktizieren.
Wie kam es dazu, dass vor 30 Jahren dieses schöne geräumige Gemeindehaus errichtet wurde? Ab 1955 tauchte im 4. Pfarrbezirk immer häufiger der Wunsch nach einem eigenen sonntäglichen Gottesdienst auf. Die Wege in die Haupt- und Friedenskirche erschienen manchen zu weit. Das Ansinnen wurde verbunden mit der Idee, in Rheydt-West - nach der Lutherkirche in Giesenkirchen - noch eine vierte Kirche zu erbauen. Zum Sprachrohr machte sich damals der "Bethausverein", der 1931 mit dem Zweck gegründet worden war, den Bau eines Bethauses in Morr zu fördern und sein Hauptziel mit der Errichtung des "Bethauses Morr" in der Lenßenstraße 1935 auch erreicht hatte.
Bei seinem neuen Vorhaben konnte der Verein bald schon Erfolge verzeichnen. Die Kirchengemeinde erwarb im Tauschverfahren von der Stadt ein geeignetes Baugrundstück am Morr vor dem Eingang zum städtischen Friedhof. Es handelte sich um den Standort der ehemaligen Villa Sasserath. Der Bethausverein - jetzt "Bethaus- und Kirchbauverein" genannt - wertete diesen Schritt als grundsätzliche Zustimmung zum Kirchbau seitens der Kirchengemeinde und der Stadt. Er intensivierte daraufhin seine Arbeit und verstand, anders als beim Bau des Bethauses an der Lenßenstraße, sein Projekt als Anliegen des ganzen Pfarrbezirks. Verstärkt lud man auch die Pongser Gemeindeglieder zu den Sitzungen ein und warb dort um Mitglieder - offenbar mit Erfolg, denn die Zahl der Vereinsmitglieder stieg auf über 500 an! Nur in der Kirchbaufrage kam man jahrelang nicht weiter. Das hatte zum Teil finanzielle Gründe - die Kirchengemeinde hatte nach dem Krieg viele Bauaufgaben zu bewältigen darunter die Sanierung der kriegsbeschädigten Hauptkirche. Es lag aber auch an der grundsätzlichen Zurückhaltung durch das Presbyterium. Erst nach zehn Jahren - mittlerweile in der Amtszeit von Pfarrer Luckenbach - kam wieder Bewegung in das Projekt. Beginnen wollte man mit einem "geistlichen" Schritt. Die Gemeindeleitung beschloss 1965, einen regelmäßigen sonntäglichen Gottesdienst im Bethaus Morr einzuführen. Dafür wurde der große Saal renoviert und für den gottesdienstlichen Gebrauch mit Kanzel und Abendmahlstisch ausgestattet. Die Gemeindeglieder nahmen dieses Angebot dankbar an; die Gottesdienste waren von Anfang an gut besucht!
Doch war man nur vorläufig zufrieden mit dem Erreichten. 1970 übernahm Günther Kuhlen den Vorsitz im Bethaus- und Kirchbauverein. Der tatkräftige Fabrikant griff zwei Probleme auf, die sich schon länger zeigten. Der evangelische Kindergarten, der in einer bescheidenen Holzbaracke - dem sog. "Hüttchen" - untergebracht war, bot dem stark angewachsenen Pfarrbezirk zu wenig Plätze und war auch nicht mehr zeitgemäß. Ebenfalls kamen aus dem Bereich der Jugendarbeit massive Klagen über die keineswegs ausreichenden Räumlichkeiten des Bethauses von 1935. Beides leuchtete unmittelbar ein. Wieder gelang es, dem Presbyterium den Auftrag abzuringen, Vorschläge zur Abhilfe zu erarbeiten. Der Bethaus- und Kirchbauverein bildete einen Ausschuss, der zusammen mit einem Architekten verschiedene Lösungsmöglichkeiten erarbeitete und diese dem Planungsausschuss der Gemeinde vorlegte. Die "große" Lösung, nach der Kirche, Jugendheim und Kindergarten auf dem Bauplatz am städtischen Friedhof neu zu bauen waren, wurde wegen der erschreckend hohen Kosten bald verworfen. Man konzentrierte sich nun auf Überlegungen, die einen Um- oder Ausbau am Standort Lenßenstraße vorsahen. Als man aber in die Detailplanung ging, wurde wiederum klar, dass diese ebenfalls unrealisierbar war. Das Gelände bot zwar genügend Platz, war dafür aber so ungünstig bebaut, dass die für einen Kindergarten vorgeschriebenen Frei- und Spielflächen nicht zu schaffen waren. Allmählich setzte sich die Erkenntnis durch, dass nur der völlige Abriss des alten Bethauses und damit ein neuer Bebauungsplan die Lösung aller Probleme bringen würden.
Zu dieser "Radikallösung" rang man sich schließlich durch. Sie war nicht unumstritten, denn das bestehende Haus hatte auch seine Anhänger. Die Kirchengemeinde als Bauherrin schrieb einen Architektenwettbewerb aus, und es folgte eine Zeit intensiver Planungen und Beratungen, in die auch Vertreter des Bethaus- und Kirchbauvereins eingebunden waren. Endlich wurde eine für alle zufrieden stellende Lösung entwickelt: ein geschmackvolles, modernes Gemeindezentrum, das einen würdigen Gottesdienstraum sowie verschiedene Räumlichkeiten für Jugend- und Gemeindearbeit bot. Dazu sollten ein dreigruppiger Kindergarten und zwei Wohnungen entstehen. Der Bethaus- und Kirchbauverein beteiligte sich mit immerhin 100.000 DM an den Baukosten, die durch Beiträge und Spenden aufgebracht wurden. Pfingsten 1976 wurde zum letzten Mal im Bethaus Morr Gottesdienst gefeiert, danach rückte der Bagger zum Abriss an und der Neubau konnte beginnen. Im November 1977 zog der Kindergarten in seine kindgerechte, neue Behausung. Er existierte dort - zuletzt unter dem Namen "Ev. Kindergarten Apfelbäumchen" – bis zum Sommer 2004 und musste leider nach vielen Jahren fruchtbarer Arbeit aus finanziellen Nöten aufgegeben werden. Seine Räume sind heute an eine diakonische Einrichtung vermietet. Das sehr geräumige und architektonisch meisterhaft gelöste Gemeindezentrum wurde am 12. Februar 1978 mit einem Festgottesdienst feierlich eröffnet. Was lange währte war endlich gut geworden!
Übrigens heißt der Bethaus- und Kirchbauverein längst wieder "Bethausverein für den westlichen Teil der Ev. Gemeinde Rheydt e. V." und ist immer noch aktiv. Er betätigt sich nach wie vor als "Förderverein" für das Gemeindeleben und hat auch geholfen, im Laufe der Jahrzehnte das Gemeindezentrum z. B. durch einen behindertengerechten Treppenlift und anderes noch besser auszustatten. Er trägt auch das traditionsreiche "Bethaus Pongs" von 1911 an der Pongser Straße 229, das so nach der Fertigstellung des neuen Hauses vor dem ursprünglich geplanten Verkauf bewahrt werden konnte und so z. B. als Standort der Sonntagsschule ebenfalls dem Gemeindeleben dient.
Das vor dreißig Jahren mit so viel Entschlossenheit und Mut errichtete Gemeindezentrum Rheydt-West hat sich als Standort - heute für den 4. und 6. Pfarrbezirk - bewährt. Es wird sicher bleiben, denn unter seinem Dach findet heute - wie am ersten Tag - eine vielfältige und lebendige Gemeindearbeit statt. Sie umfasst Kinder- und Jugendarbeit, Erwachsenenbildung, Seniorenarbeit und dazu mancherlei Projekte und auch Gastgruppen. Auch der jeden Sonntag um 10 Uhr stattfindende Gottesdienst wird immer noch gerne besucht. Möge das mit Gottes Hilfe so bleiben und der Verherrlichung seines heiligen Namens dienen, damit neu hinzukommende Menschen wie auch treue Kirchenbesucher erfahren, was alle Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter durch ihr haupt- oder ehrenamtliches Engagement bekennen:"Gott ist die Liebe; und wer in der Liebe bleibt, der bleibt in Gott und Gott in ihm!"